SIEBEN PERLEN IN MITTELMEER
Ein Besuch auf den Liparischen Inseln.
Sizilien.

„Schau mal da unten, was qualmt denn da so?“, auch meine Sitznachbarn haben nun im Anflug auf Catania den Stromboli entdeckt, der da ein paar Meter unter uns seine rülpsende Aschewolke aufsteigen lässt. Ich bin das schon gewohnt, denn ich darf mich glücklich schätzen, ein paar Monate im Jahr hier auf den Inseln leben zu können, seitdem ich, vor drei Jahren, als Wanderführerin hier hergeschickt wurde. Aber der Stromboli ist auch für mich jedes Mal wieder ein Erlebnis, aus der Luft, direkt vom Krater aus oder ganz gemütlich vom Boot.

Ankommen auf den Inseln ist mühsam, sie verlangen viel von den Reisenden, aber dies ist wohl nur gut gemeint. Denn sie wissen ja, was sie zu bieten haben, die Inseln. Der nächstgelegene Flughafen ist Catania auf Sizilien, es folgt eine 2-stündige Bus- oder Taxifahrt nach Milazzo, dem wuseligen Hafen, der schon ein bisschen Italien-Urlaubsgefühl aufkommen lässt. Die einstündige Überfahrt kann holprig sein, muss aber nicht. Die Schnellboote fliegen über das Meer und gehen auch bei Drei-Meterwellen nicht vom Gas.

Aber all das ist vergessen, sobald man Fuß auf Lipari setzt, der Hauptinsel der Äolen, denn so heißen sie eigentlich. Äolus, der Gott der Winde gab den Inseln seinen Namen, nachdem er mit Liparos einen Pakt geschlossen hatte: Er bekam seine Tochter zur Frau und dazu die Inseln gleich mit. So erzählt es zumindest Homer in der Odyssee, denn auch Odysseus ist hier schon vorbeigekommen und sein Freund, der Windgott Äolus, hat ihm geholfen mit den guten Winden nach Ithaka zurückzufahren, die schlechten Winde hatte er ihm in einen Sack gepackt. Schade nur, dass seine Kumpanen kurz vor Ankunft in der Heimat den Schlauch öffneten und die schlechten Winde wieder freiließen und sie so wieder zurück manövriert wurden; aber dies ist eine andere Geschichte.

Der Hauptplatz von Lipari ist geschäftig, das ist er immer, ganz egal zu welcher Tageszeit. Die Bars und Restaurants öffnen schon früh morgens ihre Terrassen für einen Caffè oder Cappuccino mit Cornetto, Fischkutter legen an und laden ihren Fang ab, Touristen hasten auf die Ausflugs-Boote, und die Souvenirshops, Weinhandlungen, Taucheragenturen und so vieles mehr machen ihre Läden auf.

„Carlo, was gibt es bei Dir heute Gutes zu Mittag?“, fragt ein Einheimischer den Restaurantbesitzer an der Ecke, den Besten am Platz. „Grad heut morgen war ich im Garten und habe wilden Spargel geerntet. Der ist spitze!“. Nur Gemüse und Fisch gibt es hier, denn Carlo ist selbst eingefleischter Vegetarier und hat sich auf die köstlichsten mediterranen Rezepte spezialisiert. Auberginen mit Pasta, ohne Pasta und überhaupt in jeglicher Form gehören sie zu seinen Delikatessen. Die berühmte sizilianische „Pasta alla Norma“ und die „Parmigiana“ in Olivenöl getränkt sind nur ein paar Beispiele, die mir gleich das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

In Lipari-Stadt kann man gut bummeln, herrliche selbstgetöpferte Keramiken erstehen, eingelegte Kapern und Oliven, Gewürze und Wein kaufen oder das Label „Mollo tutto, Vivo a Lipari“ mit nach Hause nehmen, das eine Studienkollegin von mir hier gegründet hat. Sie bedruckt T-Shirts mit dem Motto „Ich lass alles stehen und liegen und ziehe nach Lipari“, grelles Pink auf Weiß, alles sehr stylish und öko, versteht sich.

Wer Kultur mag, der sollte unbedingt dem Archäologischen Museum einen Besuch abstatten. Ich weiß, bei einem solchen Urlaub hat man das eigentlich nicht vor, aber hier lohnt es sich wirklich: Das Museum befindet sich in der Akropolis, die über der Stadt thront. Es zeigt u.a. die weltweit größte Theatermasken-Sammlung. Diese kleinen Tonmasken wurden im 4. Jahrhundert v. Chr. den Gräbern beigelegt im Zeichen des Dionysus-Kultes. Daraus können wir schließen, dass die Liparoten dem guten Leben, der Liebe und dem Wein sehr zugetan waren. Die Akropolis diente übrigens den Faschisten als Gefängnis, die hier ihre politischen Gegner einsperrten. Von diesen haben sich dann, im Laufe der Jahre, einige unters Volk gemischt und viele von ihnen sind v.a. der Liebe wegen geblieben. Man sagt etwas zynisch, dass Mussolini so zur intellektuellen Entwicklung der Insel beigetragen hätte.

Lipari, die Hauptinsel ist die größte der sieben bewohnten Inseln. Es gibt zudem noch viele kleine vorgelagerte Felsen, die ein Muss für alle Taucher und Schnorchler sind, denn hier ist das Wasser so rein, wie ich es selbst in der Karibik nicht gesehen habe. Fels- und Grottenformationen, eine reiche und immergrüne Unterwasser-Vegetation, bunteste Fische, Schildkröten und sogar Delphine leben hier. Man muss beim Schwimmen nur mal unter sich schauen und kann so erahnen, was sich da, entlang der Vulkankrater, alles so tummelt.

Denn das sind sie alle Sieben: Ehemalige oder noch aktive Vulkane. Der aktivste von allen ist der Stromboli, berühmt und berüchtigt für seine unvorhersehbaren Ausbrüche. Gerade letzten Sommer hat er wieder einmal so stark gespuckt, dass es beinahe zur Katastrophe gekommen wäre, zum Glück hatte er ein gutes Timing und ist noch vor dem nachmittäglichen Anstieg der Wandergruppen ausgebrochen. Nun kann man ihn nicht mehr besteigen, zumindest vorläufig nicht, denn seine Aktivität hat zugenommen und er spuckt jetzt nicht mehr nur alle viertel Stunde, wie sonst, sondern wie und wann er will, und das meist wesentlich temperamentvoller als vorher. Wissenschaftler können sich das nicht so ganz erklären, aber so ist sie halt die Natur: Unberechenbar. Wir schauen uns das Spektakel lieber vom Boot aus an, bei einer guten Flasche Wein, mitgebrachten Panini und ein wenig von dem köstlichen Marzipan, das aus den Mandeln der Inseln hergestellt wird. Da spuckt er einfach so vor sich hin, der Stromboli, seine Lava fließt bis ins Meer hinunter, tausend Meter glühende Masse, wo sie dann im Dunkel der Abenddämmerung erlischt.

Adelaide hat mal wieder meine Lieblingsnudeln gekocht, ihre Fenchelkraut-Spaghetti. Ganz wunderbar. Dieses Kraut wächst hier überall am Wegesrand, nein, es wuchert, und natürlich wird damit fast jedes Gericht angemacht. Adelaide (allein der Name!) ist eine begnadete Köchin und eine liebenswerte und immer lächelnde kleine Person. Etwas im Inneren der Insel Filicudi betreibt sie ihr Restaurant, vermietet ein paar Zimmer und öffnet im Hochsommer sogar die einzige Disko der Insel.

Filicudi hat einen völlig anderen Charakter als Lipari, sie ist einsamer, wilder und gerade deshalb so beliebt. Hier haben u.a. viele Italiener, die etwas auf Stil und Eleganz halten, ihre Ferienhäuser. Sehr gepflegte und im traditionellen Baustil restaurierte. So zum Beispiel eine afghanische Prinzessin, die sich hier in totaler Einsamkeit eine Villa hergerichtet hat. Wenn man auf dem Weg zu ihrem Haus nach Zucco Grande ist, eine Wanderung von zirka 1 Stunde in das verlassene Dorf, dann kommt man auch an einer der vielen Grotten vorbei, die hier im Lavafelsen versteckt liegen. Hier wohnt die Künstlerin Marina Klemente schon seit über 25 Jahren; na, wenn das mal keine echte Aussteigerin ist. Man kann bei ihr sogar übernachten in der Grotte, aufs Feinste hergerichtet, mit einer Außenküche, die ein Panorama auf die anderen Inseln hat, dass es einem die Schuhe auszieht. Hier möchte man wirklich nicht mehr weg und zu Adelaide ist es auch nur ein kurzer Fußmarsch.

Wusstet Ihr eigentlich, dass alle Vulkane weltweit ihren Namen der Insel Vulcano verdanken? Denn hier, auf dieser kleinen liparischen Insel, herrschte der griechische Feuergott Hephaistos, im Römischen dann Vulcanos genannt und schmiedete im Krater die Waffen seiner Götterkollegen. Der Namensgeber hat hier wohl sehr lange gehaust, denn Vulcano ist bei den Menschen bis hinein ins 19. Jahrhundert so gefürchtet gewesen, dass diese kaum besiedelt war. Von oben sieht der ehemalige Krater, den man besteigen kann, wie ein Bilderbuch-Vulkan aus, genauso wie man ihn sich vorstellt, nur ohne brodelnde Lava, stillgelegt sozusagen. Dies aber wohl nur vorübergehend, denn der Vulkan bricht in der Regel alle 100 Jahre aus und ist nun schon 30 Jahre überfällig. Wenn man hineinguckt, dann sieht man aus seinen Wänden den giftgelben Schwefel dampfen und zischen, weshalb er als postaktiv bezeichnet wird. Auch im matschigen Schwefelbad kann man baden, was sehr gute Auswirkungen auf die Haut hat, die in Folge babyzart wird, allerdings stinkt man danach so sehr nach faulen Eiern, dass jegliche Nähe unmöglich wird.

Panarea ist die schickste unter allen Inseln, denn hier, so sagt man, steigen die Reichen und Schönen ab. Sie ist ein kleines Paradies, mit schmuckem Stadtkern, gepflegten Häusern, teuren Boutiquen und sogar zwei Stränden, was auf den Inseln eher eine Seltenheit ist. Man kann hier ganz einsam eine atemberaubende Inselumrundung machen, denn die VIPs gehen in der Regel nicht wandern. Steil und anstrengend geht der Pfad erst an der aus der Bronzezeit stammenden und auf einer Halbinsel liegenden Ausgrabungsstätte Capo Milazzese vorbei, die wie aus einem Tolkien-Roman entsprungen zu sein scheint, weiter hinauf entlang atemberaubender Klippen, die Hunderte von Metern ins tiefblaue Meer hinabstürzen, bis wir wieder im Dorf ankommen. Eine obligatorische Pause legen wir bei Carola ein, der „Granita-Göttin“ der Inseln. Diese Eis-Sorbet-Mischung ist eine sizilianische Spezialität, man sagt, die Araber hätten ihre mitgebrachten Zitronen mit dem Schnee vom Ätna gemischt und so den Vorreiter dieser süßen Köstlichkeit erfunden. Also, typisch sind Pistazie, Mandel oder Kaffee und natürlich auch Zitrone.

Michaela holt mich von der Fähre am Hafen von Alicudi ab. Sie hat mir mein Ferienhaus organisiert, samt Packesel, denn den braucht man hier. Alicudi ist die Insel der Stufen und der absoluten Einsamkeit. Mit rund 100 Einwohnern ist sie die kleinste, und die am weitesten entfernteste. Die Häuser ziehen sich am Hang hinauf und schweißtreibend ist es sogar für mich, die ja immer viel zu Fuß unterwegs ist. Ich bin froh, auf Michaela gehört und den Esel gleich mitgemietet zu haben. Mein kleines Häuschen liegt ziemlich weit oben, ich werde in diesen Tagen nur für das absolut Nötigste nach unten ins Dorf gehen, dafür habe ich jedoch eine Aussicht, die unbeschreiblich ist. Alle sechs Inseln sehe ich da vor mir liegen und die sizilianische Küste auf der anderen Seite.

Das bei Vollmond und klarem Septemberhimmel. Ein Traum. Michela hat es hier vor über dreißig Jahren her verschlagen, die Süddeutsche hat sich in einen Einheimischen verliebt und ist kurzer Hand geblieben. Sie kümmert sich um ihre Gäste und die vieler anderer Häuser mit einer Herzlichkeit, die eine gute Mischung aus teutonischer Zuverlässigkeit und sizilianischer Gastfreundschaft ist. Und bei Silvio, dem Fischer der Insel kann man auch mal auswärts essen, denn ein wirkliches Restaurant gibt es hier nicht. Bei ihm und seiner Frau sitzt man auf der unaufgeräumten Terrasse unter Neonlicht und isst, was auf den Tisch kommt. Herrlich!

Und dann ist da noch Salina, die Zwillingsschwester-Insel, die aus zwei riesigen Kratern besteht. Sie ist die eigenwilligste unter allen: Nicht nur hat jede ihrer drei Kleinst-Kommunen einen eigenen Bürgermeister, sondern sie ist wirtschaftlich nicht so abhängig vom Tourismus wie die anderen. Salina importiert weltweit Kapern und Malvasia-Wein.

Toll wandern kann man hier auf langen, inselüberquerenden Pfaden und immer wieder in die kleinen Fischerdörfer gelangen, wie nach Rinella zum Aperitif in der Strandkneipe oder nach Pollara. Dies ist eigentlich kein wirkliches Dorf, nur eine Ansammlung von ein paar Häusern auf einer Steilklippe über einem romantischen Fischerstrand mit Blick auf Filicudi im Sonnenuntergang. Mehr Kitsch geht kaum. 1994 wurde eben dieser Blick als Filmkulisse für den „Postmann“ gewählt: Philippe Noiret spielt hier den im Exil lebenden chilenischen Dichter Pablo Neruda, mit Massimo Troisi, italienischem Nationalheld und Maria Grazia Cucinotta, Ex-Bondgirl in weiteren Hauptrollen. Ich kann sie gut verstehen, denn es überzeugen nicht nur diese verwunschenen Ecken Salinas, die einem das Gefühl geben, am Ende der Welt zu sein und nichts mehr zum Leben zu brauchen, sondern auch die Weltklasse-Weingüter und  Spitzenrestaurants.

Es gibt so viele Gründe, die Liparischen Inseln zu bereisen, einer davon ist sicherlich ihre üppige Vegetation. Wenn man nicht gerade im Hochsommer anreist, wovon ich wärmstens abrate, wenn man sich nicht mit Tausenden von sehr lebhaften Italienern die wenigen Strände und Buchten teilen will, sondern im Frühling oder Herbst, dann kann man die Pflanzenvielfalt in aller Wonne genießen. Hier gibt es sogar im Oktober noch frische Blüten und ich bin jedes Mal erstaunt darüber, wie fruchtbar so eine Vulkanerde sein kann. Außer dem Markenzeichen der Inseln, der wunderschönen Kapernblüte finden wir Aloe Vera, Kakteen mit frischen Feigen, Akanthus, Trompetenblumen, Paradiesvogel-Sträucher, Mittags- und Passionsblumen, Zistrosen, hängender Rosmarin, Zitronen- und Orangenbäume, Riesenfenchel, Affodill, wilde Pistazien, Wermut, Mandel- und Dattelbäume und Hibiskus soweit das Auge reicht. Und das duftet überall!

Es gab da mal einen ausgesprochen bunten Vogel in der Dynastie der Habsburger: Den Erzherzog Salvator, Lieblingsneffe von Sissi; beide etwas anders als die steifen Aristokraten am Hofe. Ludwig Salvator war Reisender, Forscher, Aussteiger, Querdenker, Bisexueller und Visionär. Er ist der Vorreiter aller Verfasser von Reiselektüren und wissenschaftlichen Abhandlungen über ferne Länder. Schon damals hatte er u.a. die Liparischen Inseln bereist und acht! Bücher über sie geschrieben, die in ihren Beschreibungen so genau waren, dass sie noch heute von Wissenschaftlern zu Rate gezogen werden. Hier, als Abschied, ein kleiner Auszug vom „dicken Luigi“, so wie ihn die Wiener liebevoll nennen:

„Der Charakter der Liparioten ist sanft und gutmütig, Raub und Mordthaten, von denen man auf Sicilien so viel hört, kennt man hier nicht. Vollkommen sicher kann der Fremde unter diesem gefälligen, heiteren, fröhlichen Völkchen, das schnell das Herz gewinnt, dahin wandern und bald wird es ihm unter den Leuten gefallen, denn sie zeigen, ich möchte sagen naive Zutraulichkeit. Namentlich ist dies bei den jungen Mädchen zu bemerken, denen man ganz allein auf den Höhen begegnet, wo sie scherzend und singend dahinziehen in wahrer kindlicher Unschuld. Dieses naive Wesen derselben zeigt sich recht deutlich am Strande, wo sie kichernd und lachend sich im Meere waschen und hochaufgeschürzt ihre wirklich junonischen Formen unverhüllt den Augen der Vorübergehenden preisgeben, ohne dass ein entfernter Gedanke, dass dies nicht sittsam wäre, in ihnen auftauchte.“

In diesem Sinne, Arrivederci e a presto alle Eolie!

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