SANSIBAR
1001 Nacht, Kitesurf, Gewürze und Muezzin.
Eine spannende Mischung.

 

 

Eigentlich sollte es „Urlaub“ werden, so richtig Ausspannen und das Nichtstun genießen nach unserer abenteuerlichen Radtour durch halb Afrika.

Wir hatten jedoch nicht mit einem solchen Besucheransturm auf der Insel gerechnet. Dass Sylvester ist, hatten wir wohl irgendwie verdrängt. Und nun stehen wir da inmitten Herden von Italienern, die die Hotels füllen, aber auch Touristen aus der ganzen Welt, Inder, Amerikaner, viele Deutsche, es ist ein recht gemischtes Publikum.

Auch das Rad nehmen wir entgegen anfänglichen Planungen mit, und dies ist es, das uns die Freiheit gibt, uns so flexibel wie möglich auf der Insel bewegen zu können. Man kann die Insel perfekt in ein paar Tagen mit dem Rad erkunden, die Straßen sind gut und kaum befahren (außer in der Hauptstadt) und man kommt durch wunderschöne kleine Dörfer, wo der Tourismus noch kaum Einfluss hat.

Nach Sansibar fliegt man direkt oder man setzt in eineinhalb Stunden mit einer schnellen Fähre von Daressalam über. Mit dem Rad wählen wir die Fähre und sind umgeben von reichen tansanischen Neujahrstouristen: muslimische, bunt gekleidete Frauen mit Seidenspitzenschleiern und Stöckelschuhen. Oder Frauen im schwarzen Burka, nur die Augen sichtbar, die wunderbaren schwarz geschminkten und mysteriösen Augen, alle mit einem breiten Lächeln, vielen Kindern und polygamischen Ehen. Tatsächlich hatte hier jeder Mann mindestens zwei Frauen und vier Kinder, die um ihn herumtollen. 

Die Ankunft in Stone Town, der Hauptstadt Sansibars war etwas brüsk und ich habe gleich verstanden, dass hier ein anderer Wind weht: Tourismus, Neujahr, Hauptsaison, nein: Spitzensaison! Und wir sind hier mit dem Rad, dem Zelt und einem Budget, das sehr unter dem Durchschnitt eines Sansibar-Touristen in der Nebensaison liegt. Nun gut, die ersten zwei Hotels wollen uns nicht, dann schaffen wir es, eine überteuerte Herberge zu finden und können so die wunderschöne Altstadt besuchen: UNESCO Weltkulturerbe und dies aus gutem Grund! Sansibar hat eine faszinierende Geschichte, sie erscheint mir wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Viele verschiedene Einflüsse aus orientalischen Ländern haben diese Insel geformt, hauptsächlich war es der Oman, der hierher sein Sultanat übergesiedelt hatte. Diese orientalische Architektur, Küche und Mentalität kann man heute noch erkennen. Auch die Menschen sind anders, Gesichter aus Tansania, Indien, Orient, Bantu; und all diese Völker haben die Swahili-Sprache geformt. Sansibar war übrigens eigenständig und hat erst Tansania zu dem gemacht, was es heute ist: auch der Name Tansania kommt zum Teil von Sansibar. Noch heute ist es ein fast unabhängiger Staat, mit Sonderrechten und einem Wohlstand, von dem Tansania nur träumen kann.

Am nächsten Tag setzen wir uns einfach aufs Fahrrad mit der Absicht, eine Inselumrundung zu machen (circa 90×40 Kilometer). Ein Kinderspiel sind die anstehenden 70 Kilometer des ersten Tages und wir sind schon um 10 Uhr morgens am Ziel: an einem wunderschönen Strand an der Nordspitze: Nungwe. Leider gibt es keine Unterkunft, es ist der 30. Dezember und alle lachen uns aus, dass wir wirklich ein Bett suchen zu dieser Zeit. Notherberge wird ein Safarizelt im Garten eines Hotels, leider habe ich vorher die Instandhaltung des Zeltes nicht gut genug kontrolliert und natürlich hat es beim ersten nächtlichen Regenguss meine Matratze in ein Schlauchboot verwandelt. Unser Nachtlager haben wir dann ins Wohnzimmer des Besitzers übergesiedelt. Dieser hat uns kleinlaut machen lassen, sich entschuldigt und nichts berechnet.

Eine Nacht verbringen wir wie die Pfadfinder: die einzige Herberge in einer Lagune bei Fumba war so teuer, (aber sehr schön! Fumba Beach Lodge), dass es das gesamte Reisebudget gesprengt hätte, obwohl sie uns einen freundlichen und großzügigen Rabatt gemacht hätten. So zelten wir also nebenan im Dorf bei den Einheimischen, die gerade ein Neujahrsfest organisieren, werden fürstlich vom Bürgermeister bekocht und unser Hab und Gut, sowie die Räder werden vom ganzen Dorfkomitee bewacht. Am nächsten Morgen bringen sie uns mit einem traditionellen Boot über die Lagune, um von hier weiterradeln zu können. Dies sind Erfahrungen, die ich mir nicht zu träumen gewagt hätte im so touristischen Sansibar. Aber auch hier gibt es noch eine Realität, die ursprünglich ist und mich wieder lächeln lässt: nette Menschen und Normalität!


Und nun kommen wir ins so lang erwünschte Paradies: weißer Sandstrand, Palmen, türkisblaues Wasser, das sich mit der zweimaligen Ebbe pro Tag unheimlich weit zurückzieht und Platz lässt für herrliche Spaziergänge raus in das „Wattenmeer“. Paje heißt dieser Ort, ich lebe in einer kleinen Hütte aus Stroh im Jambo Beach Bungalow, bin seit Tagen ohne Schuhe mit den Füßen im Sand unterwegs und alles spielt sich draußen ab. Das Wasser ist so warm, dass es nicht mal mehr erfrischt und man kann stundenlang einfach in den Prielen liegen und sich sonnen. Am Morgen sieht man die Frauen mit ihren langen bunten Gewändern im knöchelhohen Wasser hocken und Seetang sortieren. Die Algen werden hier angebaut, sie werden weltweit als Zusatzmittel für Kosmetika und Nahrungsmittel verwendet. Für die Frauen auf Sansibar bedeutet dies einen Schritt in die Freiheit. Sie können endlich auch arbeiten, Geld nach Hause bringen und sich vielleicht sogar ein Stückchen mehr emanzipieren. 

Außerdem ist Page das Paradies der Kitesurfer. Hunderte sind unterwegs am Nachmittag bis es dunkel wird mit ihren bunten Schirmen und gleiten über das niedrige Wasser, während die Besten von ihnen akrobatische Sprünge und Saltos zur Schau stellen. Es ist wunderbar hier einfach unterm Strohsonnenschirm zu sitzen, ein kühles Bier zu genießen und ihnen dabei zuzusehen. Fünf ganze Tage verbringen wir hier, ruhen uns aus von den anstrengenden Tagen auf dem Rad, ich gehe schwimmen und morgens zum Sonnenaufgang am Strand spazieren, ganz einsam und friedvoll, und suche nach Muscheln für die kleine Nichte daheim in Berlin.

Zurück in Stone Town, gönnen wir uns zum Abschluss ein tolles Abendessen auf einer der schönsten Terrassen der Stadt: dem Emerson, das wohl tollste Hotel auf der Insel, das einen Blick bei Sonnenuntergang auf die gesamte Altstadt, das Meer und den Horizont bietet. Der Ruf des Muezzin im Hintergrund begleitet die Gerichte der traditionellen sansibarischen Küche mit den so wohlbekannte Gewürzen wie Zimt, Nelken, Ingwer, Curry usw.

Morgen geht es nach drei Monaten Abenteuer von Daressalam über Abu Dahbi und Rom zurück nach Bologna. Ein langer Flug mit großen Unterbrechungen, die Räder sind mit im Gepäck! Ich bin glücklich über diese lange Reise und freue mich über jede Erfahrung, die ich machen durfte und die mich ein Stück weitergebracht hat.

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