MALI
Ein Reisebericht aus 1001 Nacht.

 

Als wir entscheiden, eine dreimonatige Reise durch Mali zu unternehmen ist gerade Gaddafi ermordet worden und wir wissen, dass dies die letzte Chance ist, jenes wunderbare Land noch besuchen zu können. Nur ein paar Monate, Wochen wenn nicht sogar Tage später und es wäre nicht mehr möglich gewesen.

Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen dass diese, mittlerweile vom Krieg zerrütteten Länder, wieder Frieden finden können, ihr Volk erneut auf die Straße gehen wird und so unbeschwert wir vorher tanzen, musizieren und lachen kann. Und dass auch wir irgendwann ihre Schönheiten wieder besichtigen können.

Unser Flug geht mit der TAP über Lissabon nach Bamako, Hauptstadt von Mali. Wir kommen spät in der Nacht an. Der Flughafen ist klein, Busse gibt es nicht, wir gehen zu Fuß zur Ankunftshalle. Rollbänder für das Gepäck gibt es auch nicht, diese werden einfach in der Halle abgestellt; nur unsere fehlen! ‚Hallo Africa! Tell me how you´re doin´: das war einmal ein bekannter Song während meiner Teenagerzeit und dieser wird mir drei Monate lang als Ohrwurm durch den Kopf schwirren.

Wir sind plötzlich mitten drin in Afrika. Es ist November und trotzdem heiß, die Straßen sind rot und staubig und der Verkehr in der Hauptstadt ist chaotisch, laut und überall schwirren Massen von Menschen umher. Zum Glück haben wir Victor, ein großer, stämmiger, immer lächelnder Herr, der uns Zimmer vermietet und zu unserer Bezugsperson wird. Hier haben wir erstmal ein Zuhause, können in Ruhe ankommen, in seinem Garten sitzen, frische Ananas essen und auf unsere Koffer warten.

Mali galt seit 1992 als eines der gelungenen Beispiele der Demokratisierung in Afrika, auch wenn die Regierung korrupt war und das Land weiterhin zu einem der Ärmsten der Erde gehört. Durch den Putsch 2012 und den Bürgerkrieg ist das Land jedoch völlig instabil geworden und Al Quaida wütet im Norden, in der Wüste. Mali hat 15 Millionen Einwohner, dessen Großteil im fruchtbaren Süden des Landes lebt. Neunzig Prozent sind Muslime, nur ein geringer Anteil der Bevölkerung pflegt noch die traditionellen Glaubensrichtungen, die durch den Islam fast gänzlich verdrängt wurden. Es gibt 30 verschiedene Ethnien mit dementsprechend vielen Sprachen, die Amtssprache ist Französisch.

Als alles geregelt ist und wir unsere Tour grob geplant haben machen wir uns auf nach Djenné. Mit dem Bus fahren wir über Ségou in diese wunderschöne antike Stadt.

Hier herrscht eine völlig andere Atmosphäre als in der Großstadt, die Menschen sind offen und neugierig auf uns, alle lächeln uns an und die Kinder kommen, um uns an die Hand zu nehmen, sie wollen einen Weissfarbigen endlich mal berühren. Die Moschee, die im Mittelpunkt des Lebens und der Geschäftigkeit steht, ist das schönste Exemplar der aus Lehm gebauten Gebäude, die ich auf dieser Reise sehen werde. Sie ist erst 1907 erbaut worden und ist das größte, im sudanesischen Stil errichtete Lehmbauwerk weltweit. Lehm wird in diesen Gegenden für das Errichten von Moscheen und Privathäusern benutzt, aus Mangel an Steinen in der wüstenreichen Region. Djenné kann noch über 2.000 dieser privaten Lehmhäuser aufweisen und ihr alter Stadtkern ist hierfür als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden. Die Querbalken aus Holz, die aus der Moschee herausragen und die sie aufrecht erhalten, dienen auch zum Aufstellen des Bambusgerüsts, das alljährlich um sie herum aufgebaut wird um den Putz nach der Regenzeit zu renovieren; bei Gesang und gutem Essen hilft die gesamte Stadtbevölkerung mit. Sehr hoch und gewaltig erscheint das Gebäude von außen und wir haben die einzigartige Möglichkeit, dieses auch von innen zu besichtigen, gegen horrend viel Geld, aber das ist es uns wert. Schlicht und gerade und deshalb so wunderschön präsentiert sie sich, die Sonne scheint immer wieder durch eine Luke und spielt mit den Schatten der unzählig vielen Säulen. Hier und da ein Teppich und ein paar wenig Betende.

Vor der Moschee befindet sich der große Platz und wir haben das Glück an einem Vormittag den Markt besuchen zu können, der viele viele Menschen aus der Umgebung anzieht um ihre Produkte und Waren zu verkaufen: jede erdenkliche Art von Lebensmitteln, rohe, schon gekochte oder noch lebendige, die buntesten Stoffe, die ich je zu Gesicht bekommen habe, Tiere aller Art, Voodoozubehör wie getrocknete Chamäleons, Kräuter und Wurzeln, Silberschmuck, Lederwaren und und und…

Es ist wunderbar, den großen, breiten, ja feisten Frauen zuzusehen, wie sie um ihre Ware feilschen, sich dabei mit ihren enormen Hinterteilen flink durch die Massen bewegen und immerzu wild gestikulierend diesen Morgen zu einem Spektakel für uns machen.

In Djenné organisieren wir einen Kapitän samt Boot und werden nun für vier Tage die 350 Kilometer den Niger hochfahren bis nach Timbuktu, fast so wie es im Märchen steht. Seit ich Kind bin höre ich diesen Namen: Timbuktu. Er stand für mich, wie wahrscheinlich für viele von uns, für eine weit abgelegene Stadt irgendwo in der Wüste, tief versunken im Dunst einer vergangenen Welt.

Unser Boot, ein langes Holzgefährt, mit einer winzigen Küche samt Koch, Tisch und Bänken, fährt uns entlang kleiner Dörfer, die am Rande des Flusses liegen. Der Anblick dieser Lehmdörfer, ein paar Häuser mit der Moschee im Mittelpunkt, in grünen Oasen unter Dattelpalmen, lässt in mir Bilder aus der Geschichte 1001 Nacht aufsteigen. Es sind fast biblische Bilder, die ich im Kopf habe, auch wenn wir uns in einer völlig anderen Gegend befinden, aber was heißt das schon?

In manchen dieser Dörfer halten wir an, so auch im Heimatdorf unseres Kapitäns. Wir werden wie ein Staatsbesuch willkommen geheißen, dürfen in aller Ruhe durch das winzige Dorf schlendern, in die Häuser hineinschauen und helfen, das Getreide in den Holzgefäßen zu zermalmen; eine harte und langwierige Arbeit, die natürlich Aufgabe der Frauen ist. Es ist eine andere Welt und doch ist sie mir irgendwie familiär. Nachts zelten wir entlang des Nigers und sitzen stundenlang unter dem Sternenhimmel; er leuchtet so hell, dass wir kaum ein Licht brauchen.

Angekommen in Timbuktu stellen wir fest, dass wir hier die einzigen Touristen sind. Die Angstmacherei der Presse hat schon viele, oder fast alle Fremden von dieser Stadt fern gehalten.

Die Geschichte Timbuktus ist so faszinierend, dass sie den Mythos dieser Stadt auf der ganzen Welt geprägt hat. Gegründet im 9. Jahrhundert, kommt ihr Name wahrscheinlich vom Begriff „Brunnen der Bouctou“ (Bouctou war eine Sklavin), könnte aber auch „Frau mit einem großen Bauchnabel” heißen. Die Stadt war eine der größten Handelsstädte Afrikas und hat ihre wirtschaftliche und kulturelle Blüte zwischen dem 14. Und 16. Jahrhundert erlebt. Die Wüstenkarawanen machten hier Station und Timbuktu wurde somit Umschlagplatz für Salz, Gold und Sklaven. Die Stadt hatte mindestens 25.000 Einwohner, vielleicht auch viel mehr, die in großem Wohlstand hier lebten; sie wurde alsbald zum Mittelpunkt des islamischen Geisteslebens in Westafrika. Die besten Gelehrten kamen um hier an einer der weltweit ersten Universitäten u.a. Mathematik, Astronomie und Jura neben der gängigen islamischen Lehre zu unterrichten und man kann die damalige Lehranstalt mit den heute angesehensten Universitäten der Welt vergleichen. Es wurden wunderschöne Moscheen gebaut; im 14. Jahrhundert entstand die bis heute intakte Sankoré-Moschee. Die Bibliotheken sind berühmt für ihre handgeschriebenen Manuskripte und v. a. aus Marokko und Ägypten sind die kostbaren Bücher hierher importiert worden. Diese gibt es noch heute und glücklicherweise ist ein Großteil der Bücher durch eine Geheimaktion 2013 gerettet worden, als die Islamisten die Bibliothek in Brand steckten.

(Fotos Timbuktu aus dem Netz, es war nicht ratsam in unserer Situation mit der Kamera die Stadt zu besichtigen.)

Timbuktu ist immer schon in der Hand der Tuaregs gewesen, dem Nomadenvolk aus der Wüste, das die Stadt beherrscht, nicht immer friedlich. Stolz sind diese Menschen, schlank und groß gewachsen, mit olivfarbener Haut und braunen leuchtenden Augen, so ganz anders als die Bevölkerung des Südens. Sie sind so schön, dass eine Legende besagt, es wären hier die Männer, die ihr Gesicht unter dem tiefblauen Schleier des Turbans versteckten um ihre Schönheit zu verbergen.

Wir treffen die Tuaregs gleich in unserem Hotel, sie warten schon auf uns. Da wir die einzigen Touristen in der Stadt sind, haben sie wenig Geschäft und versammeln sich somit in der Nähe unserer Herberge um uns Silber zu verkaufen, uns durch die Stadt zu führen oder einfach nur um uns kennenzulernen. In den paar Tagen, die wir in Timbuktu verbringen, schließen wir wunderbare Freundschaften mit ihnen und sind froh, in den Genuss einer einheimischen Führung durch diesen Märchenort zu kommen.

Auch wenn die Stadt heute nicht mehr den Anschein von der alten Blüte hat, spürt man trotzdem eine Magie, die von ihr ausgeht, ich kann die antiken Karawanen noch vor mir sehen und die mit Gold verzierten Straßen, das reiche kulturelle Klima riechen. Ich spüre förmlich, dass hier einmal eine Hochkultur gelebt hat; auf unerklärliche Weise fühle ich, dass auch ich hier irgendwie tief verwurzelt bin.

In Timbuktu findet jährlich das ‚Festival au Desert‘ statt, ein Musikfestival, von den Tuaregs ins Leben gerufen, das mittlerweile große Künstler nicht nur aus Afrika, sondern aus der ganzen Welt anzieht. Hoffen wir mal, dass auch dieses Festival in den Wüstendünen irgendwann wieder seinen normalen Lauf nehmen kann.

Von Timbuktu aus organisieren wir einen Jeep mit Allradantrieb und lassen uns quer durch die Wüste gen Süden nach Bamba bringen, ins Herzen der DogonländerZur Grenze hin nach Burkina Faso erstreckt sich hier diese Felswand, die sich über 200 km durch den Sahel zieht. Sie ist zirka 400 Meter hoch und bewohnt durch die Volksgruppe der Dogon.

Diese kamen erst im 14. Jahrhundert hierher, auf der Flucht vor den immer größer und dominanter werdenden islamischen Völkern am Rande des Nigers. Die Dogon wiederum vertrieben die Tellem, die hier in die Grotten im Felsen ihre Begräbnisstätten bauten. Die vielen kleinen Dörfer, wenige Kilometer voneinander entfernt, sind jeweils in der Silhouette eines menschlichen Körpers aufgebaut. Die Häuser haben die Form von kleinen runden oder quadratischen einzelnen Hütten, die jeweils mit einem spitzen Heudach bedeckt sind. Es sieht ein bisschen aus wie bei den Hobbits, klein, verwunschen und hübsch anzusehen, inmitten einer wunderbar ariden und doch fruchtbaren Landschaft. Im Zentrum des Ortes befindet sich das „Haus der Worte“, ein etwas erhöhter, offener Platz mit einem sehr niedrigen Dach. Dieser wichtige Ort dient den alten Männern zu Versammlungen und um wichtige Entscheidungen zu treffen. Da es manchmal zu Unstimmigkeiten kommen kann, ist das Dach so niedrig gebaut, dass niemand im Wortgefecht aufstehen kann um den Ort schnell zu verlassen.

Wir organisieren eine zehntägige Wanderung und werden geführt von einem einheimischem Guide, der uns von Dorf zu Dorf begleitet und uns vor Ort eine Herberge organisiert. Diese sind manchmal kleine Pensionen, oftmals ist es einfach nur ein Lehmdach, auf dem Matratzen liegen, jede mit einem Moskitonetz beschützt und so schlafen wir unter dem immensen Sternenhimmel der afrikanischen Nacht. Die Duschen, falls es welche gibt, bestehen aus alten Blechtonnen, die auf einem hohen Balken stehen; ein kleiner eingebauter Wasserhahn lässt uns, mit dem von der Sonne erwärmten Wasser, sogar hier heiß duschen.

Die Dogon sind in aller Welt bekannt dafür, den Stern Sirius B schon vor Jahrtausenden gekannt zu haben, ein Stern, den wir mit unseren modernsten Instrumenten erst 1862 entdeckt haben. Es gibt viele Mythen und Spekulationen über dieses Wissen, der französische Ethnologe Marcel Griaule hat diese Geschichte bekannt gemacht, nachdem er Jahrzehnte lang, Anfang des 19. Jahrhunderts, unter den Dogon gelebt hatte und von diesen in deren geheimste Erkenntnisse eingeweiht wurde. Nichts ist wissenschaftlich erwiesen aber vieles deutet daraufhin, dass die Dogon ein Überbleibsel einer einst hochentwickelten Zivilisation, mit fundiertem wissenschaftlichem Wissen waren. Heute kann man davon leider kaum noch etwas spüren, die Dogon sind, wie viele Völker, auf dem Weg in die Degeneration; das, was einmal groß war muss wieder schrumpfen, um Neuem Platz zu schaffen, so wie es auf der ganzen Welt seit Jahrmillionen geschieht. Trotzdem ist es ein geschichtlicher Genuss, ihre Dörfer zu besichtigen und das noch heute antik geprägte Volk kennenzulernen. Die Dogon pflegen eine traditionelle, animistisch angelehnte Stammesreligion, die auf zwei fundamentalen Stützen aufgebaut ist: sie glauben an die Vibration der Materie und an die immerwährende Bewegung des Universums. Letztere kann man auf ihren Häusern beobachten: die aufgemalten Zickzack-Linien stehen für diese stetige Bewegung.

Weltweit bekannt sind die Dogon jedoch für ihre Masken: was wir heute unter typisch afrikanischer Maske verstehen, kommt mit aller Wahrscheinlichkeit von ihnen. Es sind wunderbare aus Holz geschnitzte Masken, die für Zeremonien und Tänze aufgesetzt werden. Des Weiteren arbeiten sie alle nur erdenklichen Details ihrer Häuser mit Schnitzarbeiten aus: Türen, Vasen oder wundervoll gearbeitete Leitern, die in die Kornkammern führen.

Wir verbringen magische Tage hier und ich fühle mich wie in eine andere Welt katapultiert. Zeit gibt es hier nicht mehr, sie ist nicht einmal stehengeblieben, sie ist einfach nicht da. Ich kann diesen Ort nicht wirklich einordnen, eigentlich könnten wir uns hier in jedem erdenklichen Zeitalter befinden und ich genieße dieses Gefühl des Entgleitens in eine andere Welt.

Leider spitzt sich die politische Lage in Mali bereits zu und wir entscheiden aus Sicherheitsgründen, von hier über die Grenze nach Burkina Faso zu fahren, wo unsere Märchenreise auf andere Art und Weise weitergehen wird (siehe Artikel BURKINA FASO).

(Alle Fotos in diesem Artikel sind von Silvia Giachello, Fotografin und meine Reisebegleitung.)

 

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