EIN GANZ NORMALER E5
Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran.
Eine Wanderführerin plaudert aus dem Nähkästchen.
KURZGESCHICHTE

 

Vor ein paar Jahren bin ich den E5 das erste Mal gelaufen, alleine, bin einfach drauf los, wollte von Lech nach Bozen wandern und habe so diesen berühmten Weitwanderweg kennengelernt. Zu Fuß Dreitausender erklimmen, Täler durchqueren und immer wieder rauf und runter, dem Süden entgegen. Das war genau mein Ding. Ein Erlebnis, das man einmal im Leben gemacht haben muss und das einem keiner mehr nehmen kann. Freiheit, Stolz, Befriedigung und das Gefühl, genau das Richtige getan zu haben.

Heute laufe ich den E5 mehrmals pro Saison und begleite andere, die sich diesen Traum endlich erfüllen wollen. Mein erstes Mal vergesse ich dabei jedoch nie und kann so gut mitfühlen, was die anderen da oben empfinden. Und ehrlich gesagt, verspüre auch ich jedes Mal wieder diese unverkneifbare Freudenträne wenn wir da oben auf der Braunschweiger Hütte ankommen: Tränen, für die wir uns nicht schämen müssen, denn sie sind ein Zeichen dafür, dass wir noch genießen können, dass wir im Hier und Jetzt leben, zumindest in diesem Moment.

Ich stehe vor der Bergschule und warte auf meine Gäste. Treffpunkt ist um zehn Uhr, um elf soll es losgehen. Die meisten kommen viel früher, einer kommt zu spät, das ist immer so. Wie wahrscheinlich überall.

Wir lernen uns kennen, auch wenn nur flüchtig, die Namen sind noch schwer einzuordnen, gehörte er jetzt zu ihr oder war er alleine da? Ist nicht schlimm, das werden wir bis heute Abend alles geklärt haben, jetzt sind erst mal die Rucksäcke dran. Ein sichtbarer Schrecken geht durch die Runde, als ich mit der Kofferwaage komme. Bitte einmal Lächeln und mir den Rucksack geben. Wie ihr ja wisst, darf dieser nicht über acht Kilo wiegen und es wäre besser, wenn er weniger wiegen würde. Bei fast allen ist zu viel drin, auch wie immer. Ich gehe mit ihnen nochmal die Packliste durch, wir werden doch wohl etwas finden, das wir noch aussortieren können, oder? Und dann stehe ich da zwischen ausgewachsenen (und zu diesem Zeitpunkt noch fremden) Männern, die mir ihre Unterhosen zeigen und die ich aussortieren soll. Die oder doch lieber die warme? Reichen wirklich zwei Paar Socken? Ich habe für jeden Tag ein frisches Paar mit. Und T-Shirts? Nur drei? Wie soll das denn gehen? Bei mir mit Geduld und bei Euch mit Rei in der Tube. Nein, auch der Pyjama bleibt zu Hause, nachts wird angezogen, was gerade trocken ist. Punkt. Als ich fast alle durchhabe, komme ich zum größten Rucksack und dem dazugehörigen größten Mann der Truppe, da lasse ich schon mal ein Kilo mehr durchgehen. Da steht er also vor mir, der Herr Von und Zu, ein Lächeln so spitzbübisch, dass man ihm eigentlich alles sofort verzeihen will, geht aber nicht. Nicht bei dem Rucksack. Übergewichtig ist in diesem Fall gar keine Beschreibung. Ich bitte ihn auszupacken, was er ungern macht und mir dabei ständig versichert, rein gar nichts Unentbehrliches dabei zu haben. Ich ziehe derweil aus dem Beautycase die XXL-Verpackungen an Shampoo, Duschgel und Bodylotion. Auf mein Stutzen hin antwortet er, es sei alles neu gekauft, extra für den Urlaub. Habe seine Frau für ihn gemacht. So ähnlich geht es weiter, Jeans für den Abend auf der Hütte, Drei-Kilo-Objektiv für die Profikamera und ein komplettes Set für den Klettersteig, man kann ja nie wissen. Ich hole noch so einiges heraus, vieles entwischt mir jedoch, wie ich später feststellen werde und das Buch, um das er wörtlich bettelt, lasse ich ihm. Wir wollen ja nicht jetzt schon streiten.

Auf geht’s. Wir sind zwölf mit mir, volle Truppe also und das mag ich. Da kommt viel Gesprächsstoff zusammen, jeder läuft mal mit jedem und die Abende sind unterhaltsamer als wenn man nur zu viert ist.

Die erste Etappe ist eine schöne Eingehtour von vier Stunden von Oberstdorf zur Kemptner Hütte. Wir fahren mit dem Taxi hinaus bis zur Spielmannsau und von dort geht es erst über Wiesen, dann durch den Wald hinauf zum Fluss.

Am ersten Tag gebe ich viele Tipps, wie man am besten läuft, ob und wie man die Stöcke einsetzt, welches Geh-Tempo gut ist, wann Pausen angebracht sind und währenddessen  beobachte ich meine Gäste. Wie laufen sie? Wer ist von vornherein immer der oder die Forscheste und wer bleibt zurück? Wer hat wo Schwierigkeiten? Wie ist die Gruppendynamik. Alles Punkte, die wichtig sind. Manchmal ist sogar die Harmonie in der Gruppe wichtiger als ihre Sportlichkeit. Es kommt dabei immer auf die Gruppe an.

Wir machen Rast am Fluss, packen die Butterbrote aus und halten die Füße ins eiskalte Wasser. Herrlich! Es ist ein Traumtag heute und gerade an diesem ersten Tag tut das so gut! Die Stimmung passt ebenfalls. Perfekt!

Ich schaue mir den Fuß von Britta an. Eine erste Blase bildet sich, auch normal. Wenn man sofort Tape draufpackt, dann kommt die Blase im besten Fall gar nicht zum Vorschein. Das machen wir. Britta ist mit ihrem Mann Wilko da, die beiden kommen aus Ostfriesland, sowie sie mir gerade erzählen und kennen die Berge nur aus dem Fernsehen. Na, das kann ja heiter werden, denke ich mir im Stillen und werde während der Tour zum Glück noch eines Besseren belehrt. Jeder Schein kann trügen.

Weiter geht’s, hinauf durch die Sperrbach-Schlucht, durch die kalten und sehr nassen Wasserfälle bis die Hütte schließlich in Sicht ist. Die Leute halten gut mit, ich nehme mir die etwas ängstliche Uta mit nach vorn, sie ist dankbar, ab und zu eine Hand gereicht zu bekommen. Und da ist sie endlich, die lang ersehnte Terrasse, gerade noch in der Sonne für einen Willkommenstrunk.

Ich regle die formellen Dinge mit Martin, dem Hüttenwirt, stets etwas mürrisch, aber ein feiner Kerl. Hier ist alles bis aufs letzte Detail durchorganisiert, die Essensfolge ist getaktet, wir haben einen festen Tisch und strikte Zeiten. Nach der Erholungspause und der hoffentlich guten Laune bereite ich meine Leute behutsam auf die „schlechte“ Nachricht vor: Wir sind heute im Großraumlager mit anderen zwanzig Wanderern untergebracht. Mist! Und das in der ersten Nacht. Aber das härtet auch ab und die nächsten Nächte können dann nur besser werden.

Am ersten Abend mag ich es immer, eine kleine Vorstellungsrunde zu machen und nach unserem (viel zu frühen) Abendessen um halb sechs bleibt uns ausreichend Zeit dafür, denn wer will sich schon um acht Uhr im Lager auf der Matratze hin und her wälzen?

Ich lasse der Reihe nach das Zepter umgehen: Wie heißt ihr nochmal? Warum seid ihr hier? Und wie habt ihr euch vorbereitet? Ich will keinen Beruf und kein Alter wissen, denn erfahrungsgemäß habe ich gelernt, dass man nur so, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden oder eine Rolle spielen zu müssen, mal richtig abschalten kann. Lustig ist, dass am ersten Abend alle noch schüchtern und diskret miteinander umgehen, nach ein paar Mal gemeinsamen Zähneputzens in Unterwäsche auf dem Gang wird der Umgang dann zunehmend familiärer und rauer, fast so als wäre man mit Schulfreunden im Landgasthof auf Klassenfahrt.

Herr Von und Zu stellt sich gerne vor, immer freundlich, guter Redner und sofort beliebt bei allen. Er hat irgendeinen hohen Job in Hamburg und ist das erste Mal ohne Familie im Urlaub, hat noch nie auf einer Hütte geschlafen und, wie er sagt, kann er dies auch nur alleine machen. Seine daheimgebliebene Frau wäre nur mitgekommen, wenn es die Gucci-Taschen auch auf der Hütte gegeben hätte, sowie natürlich Zimmer mit Dusche. Also ist er alleine ins Abenteuer gestartet und freut sich wie ein kleiner Junge.

Uta gibt zu, in das Ganze hier so ein bisschen reingeschlittert zu sein. Sie hat auf den letzten Drücker gebucht, wollte einfach mal raus, sich ein bisschen bewegen. Als sie ihren Freunden von ihrem Vorhaben erzählte, machten diese wohl große Augen: Der E5? Du? Sie spielte das wohl ganz cool runter und machte sich damit selber Mut. Trainiert hat sie nicht, kein bisschen. Oh je! Klappt das wohl? Wir werden sehen. Aber fröhlich ist sie und guter Dinge und das ist schon mal die halbe Miete.

Fritz kenne ich schon, ein sogenannter Wiederholungstäter. Er ist seit seiner ersten Alpentour vor Jahren an mir „hängengeblieben“ und kommt seitdem jedes Jahr, ganz treu wieder mit. Ich mag ihn, er ist sportlich, beschwert sich nie und man kann mit ihm über alles reden. Ein bisschen trocken vielleicht, aber das ist nicht die schlechteste Eigenschaft auf solch einer Tour.

Rainer muss ich noch studieren, er gibt immer seinen Senf dazu, weiß alles besser, aber er hat auch mal gelächelt heute. Wird schon.

Wilko und Britta kommen aus dem Norden, wie schon erwähnt und sind absolute Alpen-Jungfern.

Maria kommt aus dem Trentino, will sozusagen nach Hause laufen. Eine hübsche italienische Signora, superfit, hat bisher noch nicht so richtig Anschluss gefunden. Aber das wird sich in den nächsten Tagen noch ändern.

Christine stellt sich mit folgenden Worten vor: „Ich sag es euch gleich, ich bin nicht hier, um neue Freunde zu finden. Ich brauche eine Auszeit von zu Hause, von der Familie und vom Job. Mal was nur für mich tun.“ Ich bin bis heute der Meinung, dass sie damals wirklich fest daran glaubte, und dann kam doch alles ganz anders.

Renate ist die Ulknudel der Gruppe. Sie kommt aus Köln und ich bin jedes Mal dem Himmel dankbar wenn ein*e Rheinländer*in in der Gruppe ist. Die können das einfach mit dem Jux und der Tollerei, die bringen Stimmung in die Gruppe auch wenn sie nicht annähernd da ist. Die brauchen einfach nur den Mund aufmachen und schon ist gute Laune angesagt. Und genauso ist auch Renate. Danke!

Und dann sind da noch Henning und Laura. Papa und gerade erwachsene Tochter. Sie wollten mal was gemeinsam machen, bevor Laura ins Studium geht. Finde ich immer toll wenn Eltern mit ihren großen Kindern dabei sind.

Nachdem auch ich mich kurz vorgestellt und noch ein paar Einweisungen gegeben habe, wie all das laufen wird in den nächsten Tagen, gehen wir uns das erste Mal gemeinsam waschen und ich wünsche allen, dass sie gut oder zumindest ein bisschen schlafen werden.

Frisch, und weniger frisch, treffen wir uns am nächsten morgen um sieben zum Frühstück, Abmarsch ist um acht, bitte pünktlich! Das klappt am ersten Tag natürlich auch noch nicht. Einer fehlt, Henning, und Töchterchen Laura versichert mir, dass dies normal sei. Da müsse ich mich wohl dran gewöhnen. Ich raune nur zurück, das käme ja gar nicht in die Tüte und wir Elf warten in der Schattenskälte auf den, wohl chronischen, Verspäter. Ohne mit der Wimper zu zucken schaut Henning, bei seiner zehn Minuten verspäteten Ankunft in die Runde und proklamiert lauthals und fröhlich: Verdammt kalt heute morgen, oder? Ich schaue ihn augenzwinkernd an, weise ihn diskret auf seine Verspätung hin und trällere ihm nur zu, er wisse ja, was das für Konsequenzen habe. Alle anderen freuen sich insgeheim. Denn wer zu spät kommt, der gibt am Abend eine Runde aus. Das haben wir so ausgemacht. Auch wie immer. Henning hat dann abends brav für eine Runde gezahlt und ist von nun an immer als erster fertig gewesen. Sogar Laura musste staunen.

Gut, der Start ist zwar verspätet, dafür einzigartig an diesem Morgen. Die Sonne begleitet uns nach den ersten Metern bis hinauf zum Pass. In einer guten halben Stunde stehen wir am Mädelejoch auf knapp zweitausend Metern und exakt auf der Grenze zwischen Bayern und Tirol, zwischen Deutschland und Österreich. Hier gibt es Fotos am Grenzstein und eine kleine Trittschule auf den Felsen, denn von nun an geht es den ganzen Vormittag bergab ins Tal. Interessanterweise haben die meisten Wanderer eher Probleme beim Abstieg als beim Aufstieg. Ansteigen ist „nur“ eine Konditionsfrage, Absteigen dagegen eine Techniksache. Wir üben ein bisschen den nach vorne gewölbten „Elefanten“, das Laufen in der Hockstellung und das Sich-Vorarbeiten von Stein zu Stein. „Fasst den Fels an, der Fels ist dein Freund“, versuche ich zu vermitteln, aber die meisten sind mit der Einstellung ihrer Stöcke beschäftigt, machen Panoramafotos oder WhatsAppen, denn hier oben haben wir nach den letzten Stunden Funkstille endlich mal wieder Empfang. Nichts für Ungut, das mit dem Abstieg machen wir dann nach dem Prinzip „Learning by doing“.

Wunderschön geht es hinab über Stock und Stein ins Höhenbachtal. Erst steil, dann immer flacher entlang des reißenden Flusses und durch die Märchenwälder. Bis jemand plötzlich von hinten ruft, wir sollen mal stehen bleiben. Was ist passiert? Insgeheim ahne ich schon, was los ist. Pünktlich am ersten oder zweiten Tag löst sich grundsätzlich eine Schuhsohle ab, und man kann die Uhr danach stellen, dass fünf Minuten später auch die zweite Sohle anfängt, sich aufzulösen. Das passiert wenn die Schuhe im geheizten Schuhkeller stehen und lange nicht gebraucht wurden, dann löst sich der Kleber auf und die Sohle verliert an Halt. Und plötzlich steht man fast barfuß da. Es ist Christine, die da verzweifelt an ihrem Schuhwerk herumfummelt. Was nun? Klebeband oder Tape hilft hier nur kurzweilig, es löst sich beim ersten Stein oder Spritzer Wasser wieder ab. Am besten ist eine Konstruktion aus Bindfaden und Kabelbinder. Die Sohle damit wieder an den Schuh binden, aufpassen, dass keine Stolpergefahr besteht und baldmöglichst den nächsten Sportladen aufsuchen und neue Schuhe kaufen. Christine schwört mir, dass sie die Schuhe schon ewig hat und nie Probleme hatte. Aber genau das ist es: Ewig heißt nicht unbedingt gut. Wir verbinden ihre Schuhe und ich hoffe, dass die provisorische Konstruktion bis nach Holzgau halten wird.

Endlich gelangen wir an die, von fast allen lang ersehnte Hängebrücke über Holzgau. Rainer, der Allwissende kommt mir zuvor und erklärt, dass sie einmal die längste Fußgänger-Hängebrücke Europas war, bevor sie von der Highline 179 bei der Burg Ehrenberg in Reutte abgelöst wurde. Danke Rainer. Aber auch wenn sie ihren Primat verloren hat, ist sie immer noch beeindruckend. So sehr, dass Wilko es bevorzugt, durch den Wald abzusteigen. Wir versuchen noch, ihn noch zu überreden, aber nichts zu machen. „Er mag es nicht, wenn da unten nichts mehr unter ihm ist“, flüstert mir kichernd seine Frau Britta zu. Kein Problem, wir nehmen gespannt die Brücke in Angriff, einer nach dem anderen tänzeln wir hinüber, denn das muss man hier. Wenn sich viele Menschen auf der zweihundert Meter langen Brücke befinden, dann gerät sie ins Schwingen und man muss sich einfach ihrem Rhythmus hingeben. Ich gehe als Letzte und sehe, wie sich einige verkrampft am Geländer festhalten, das Küken Laura dagegen macht Videos und Selfies. Jedem das Seine.

Auch Christines Schuhe haben es geschafft, das Band ist nur ein paar Mal abgegangen und wir haben es wieder flicken können. Im Sportladen ist man an dieses Problem schon gewöhnt und sie haben eine breite Auswahl an Marken und Größen und auch Christine wird schnell fündig. Gut so! Einlaufen ist jetzt nicht mehr drin, das macht sie dann direkt am Berg.

Wir machen eine wohlverdiente Pause auf der Terrasse des Restaurants unten in Holzgau, hier gibt es ganz wunderbaren Kuchen und alle lassen es sich schmecken. Maria taut langsam auf und ich merke, wie sie mit ihren „feinen“ Bemerkungen alle in ihren Bann zieht. Ihre Muttersprache ist Italienisch und ihr Deutsch hat diesen leichten Akzent, der jedes Wort irgendwie interessanter macht. Das gibt ihr unter den „Flachland-Tirolern“ eine besondere Stellung und überhaupt ist sie eine tolle Frau, so elegant, auch hier in den Bergen. Italienerin halt. Nach dem Mittagessen gibt sie eine Runde Grappa aus, weil sie der Meinung ist, der gehöre zu einem gutem Mahl dazu. Immer. Wir nehmen gerne an und Maria tritt sofort, nicht nur wegen des Grappas, aber auch, in die Herzen aller.

Weiter geht’s mit dem Taxi ins grüne, mit Wasserfällen geschmückte Madautal in Richtung Einstieg Memminger Hütte. Die Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde und fast alle schaukelt die zwar asphaltierte aber doch holprige Straße schnell in den Mittagschlaf. Vom Dösen etwas mürrisch gelaunt steigen wir aus und packen unsere Rucksäcke um, denn ab hier können wir das große Gepäck per Materialseilbahn hochschicken und nur mit einem kleinen Rucksack die letzten zwei Stunden bis zur Hütte ansteigen. Fritz packt mit an beim Verstauen in der Bahn, er kennt das ja schon und ist mir immer gerne eine Hilfe. Ohne sich damit zu rühmen, einfach nur so macht er das gerne, weil sich das halt so gehört. Rainer hat schon wieder irgendwas zu meckern, ich höre gar nicht richtig hin und rufe alle zu mir. Wir haben achthundert Höhenmeter anzusteigen und das Wetter zieht zu. Ich weiß, es ist erst der zweite Tag, wir sind noch nicht wirklich eingelaufen, dennoch sollten wir jetzt mal einen Zahn zulegen, damit uns das vielleicht aufkommende Gewitter nicht erwischt. Der nur kleine Rucksack hilft uns dabei und wir machen uns geschwind auf den Weg. Rainer ist Schlusslicht. Ich teile stets eine Person ein, die für eine bestimmte Strecke den Hintermann oder „Lumpensammler“ macht. Er darf keinen überholen und muss warten, sollte mal jemand vor ihm anhalten. So weiß ich immer, dass alle da sind, sobald ich den letzten sehe. Er willigt ein, auch wenn ich schon wieder einen grimmigen Blick ernte.

Mit gutem Tempo starte ich voraus und bis zur Hälfte halten alle mit. Dann lässt die Kondition nach, es ist schon Nachmittag und ich merke, wie ich da oben ziehen, gut zureden und Motivation aufbauen muss. Renate, die lustige Kölnerin, schon im etwas betagteren Alter, beschwert sich über das Tempo, auch wenn einer ihrer ironischen Sprüche folgt, auf den Herr Von und Zu sogleich anspringt. Keine Zeit zum Scherzen, wir wollen doch noch im Trockenen ankommen. Christine versteht sich darin, anderen gut zuzureden und so hieven wir auch die Schwächeren im Eiltempo hinauf. Es fängt zu regnen an, die ersten holen die Jacken heraus, aber jetzt ist es besser, einfach durchzuhalten. Es fehlen nur noch ein paar Minuten, nass sind wir eh schon vom Schwitzen, wir können bald duschen und die Blitze und der aufkommende Donner lassen erahnen, dass das Gewitter nicht mehr weit ist. Endlich ist die Hütte in Sicht, erst in letzter Minute, dafür in herrlicher Lage, jetzt allerdings ist alles grau in grau und der Regen hat sich in einen einzigen Sturzbach unter unseren Füßen verwandelt. Schnell rein in die gute Stube, Lagervergabe und unter die Dusche. Auch wenn nicht mehr alle warmes Wasser hatten, so ist doch das Gefühl von Reinlichkeit unbezahlbar.

Als ich kurz vor dem Essen in die warme Stube komme, treffe ich auf Herrn Von und Zu, der gemütlich in einer Ecke sitzt und liest. Ach ja, sein Buch. Entsetzt erkenne ich die gebundene Ausgabe der Buddenbrooks: „Es war doch gerade so spannend, das konnte ich doch nicht zu Hause lassen, oder?“ Ich frage ihn, ob er schon mal was von Taschenbüchern oder E-Book-Readern gehört hat? Fehlanzeige, einen Mann mit Stil kann man so etwas nicht fragen, das grenzt fast an Beleidigung.

Während des Abendessens klart es auf und ich mache den Vorschlag, noch auf den kleinen Gipfel zu steigen. Von dort oben auf dem Seekogel hat man nämlich eine tolle Aussicht, vielleicht die schönste des ganzen E5s. Ein paar kommen noch mit, u.a. auch die Ostfriesen, die mich schon die ganze Zeit überraschen mit ihrer Ausdauer, positiven Einstellung und Lust auf Mehr. Gut so. Wir sitzen oben gemeinsam am Gipfel, genießen die untergehende Sonne und sind einfach nur glücklich.

Wieder unten lassen wir den Abend recht früh ausklingen, alle sind müde und morgen wartet einer der härtesten Tage auf uns. Ich rede noch mit ein paar Kollegen, denn hier ist man nie alleine unterwegs. Diverse Alpin-und Wanderschulen bieten den E5 als geführte Wanderung an und so kennt man sich mit der Zeit und freut sich, den einen oder anderen mal wieder zu treffen. Es wird ein bisschen geplaudert über die Hütten, die Kunden, die Angewohnheiten der anderen oder was auch immer, wie wahrscheinlich überall und dann meist ein Schnaps getrunken mit dem Hüttenwirt. Und dann kann man auch mal über Persönliches reden, sollte jedoch höllisch aufpassen, dass die Abende nicht ausschweifen, denn da oben auf den Hütten geht das ganz schnell. Immer schön, immer lustig und am nächsten Tag immer schlimm. Also lieber beim Small-Talk bleiben und ab ins Bett.

Die Nacht ist unruhig, das ist sie immer auf der Memminger Hütte und wir sind alle froh, um sechs endlich aufstehen zu dürfen. Diesmal starten wir überpünktlich, auch dank Henning, und sind die erste Gruppe, die sich auf den Weg macht, immer der Sonne entgegen. Die Seescharte ist unsere große Hürde heute morgen, ich zeige sie aus der Ferne und alle starren mit Ehrfurcht da oben hin. Wie? Da sollen wir rüber? Aber das geht doch gar nicht! Uta, die „Anfängerin“ ist stark beeindruckt und murmelt immer nur vor sich, dass ihr das zu Hause niemand glauben wird! Auch die anderen gehen nun konzertierter als gestern und an diesem Morgen wird wenig gesprochen, alle sehen zu, bei der Sache zu bleiben und die Stille und Einsamkeit hier oben zu erleben. An der Seescharte angekommen, müssen wir uns einzeln durch die kleine Felsöffnung zwängen um auf der anderen Seite in eine komplett neue Welt blicken zu dürfen. Weite Täler und hohe Bergspitzen liegen da vor uns, schneebedeckte Gipfel und Berge, so weit das Auge reicht: Wir nähern uns dem Hauptalpenkamm und somit wird es immer höher, steiler und weißer. Wir haben ein Glück wie es im Bilderbuch steht: Direkt unter uns im Geröll tummelt sich eine kleine Herde von fünf Steinböcken. Die gibt es hier oft zu sehen, unter normalen Umständen verschwinden sie jedoch sofort wieder. Heute in der Stille haben wir Zeit, sie aus der Nähe zu beobachten.

Weiter geht’s, für heute nur noch bergab. Zweitausend Höhenmeter müssen wir nun runter. Das ist kein Kinderspiel, das weiß ich und ich versuche meine Leute so viel wie möglich zu schonen: Regelmäßige Pausen, Stockeinsatz und hin und wieder ein paar Dehnübungen. Die Ersten klagen schon über Knieschmerzen, da sind wir noch nicht mal die Hälfte gelaufen.

An einer kleinen Hütte halten wir an, stärken uns mit Schorle und Bockwurst und quatschen mit anderen Gruppen. Herr Von und Zu unterhält die gesamte Gruppe und alle lachen und sind in den Bann gezogen von seiner ehrlichen Herzlichkeit. Ein Supertyp, das finden wir alle. Wollte man ihn in einem Film darstellen, könnte man ihn nicht besser spielen. Ein echtes Original. Und immer am Lächeln. Ich erzähle ein bisschen vom E5, von meinen Erfahrungen als Guide und dass es gerade auf dieser Wanderung häufig Personen gibt, die sich leicht mal überschätzen. Da kommen dann „Hinz und Kunz“ mit und meinen, sie müssten auch mal über die Alpen laufen. Wilko und Britta prusten lauthals los, schauen sich an und, auf sich zeigend, gackern sie: „Genau wie wir, Hinz und Kunz.“ Rainer hat sich neben mich gesetzt und fängt eine ganz normal freundliche Konversation an, fragt mich Dinge und ist durchaus interessiert. Und dann erzählt er plötzlich etwas von sich und ist dabei ganz authentisch. Na also, wird doch. Manchmal müssen die Menschen auch erst auftauen, Vertrauen fassen.

Ich rufe alle auf, wieder zu starten. Wir haben zwar gutes Wetter und keine Eile, aber ich weiß, wie sich der Weg noch zieht und wie das an der Stimmung nagen kann. Guten Mutes, sogar pfeifend setzen wir unseren Weg fort und ganz entgegen meiner Befürchtungen sind alle friedlich und genießen diesen Tag wie fast keinen anderen, schwatzen miteinander und ich habe das Gefühl, dass dieser zu einem richtig guten E5 werden wird. Wir kommen in Zams an, schon ein bisschen fertig aber lange nicht so wie andere Gruppen, die da hinkend vor sich her trappeln. In Zams gibt es außer einer Eisdiele, einem Supermarkt, einem Sportgeschäft und natürlich einer Apotheke eigentlich nur Physiotherapeuten und Orthopädie-Läden. Nach den zweitausend Metern Abstieg kommen die meisten hier so gebeutelt an, dass sie medizinische Versorgung fürs Knie oder sonst wo brauchen. Leider überschätzen sich doch viele und für Untrainierte ist diese Strecke wirklich hart. Also Vorsicht!

Wir halten uns nicht lange im Ort auf und nehmen die Venetbahn um auf den Berg zu fahren. Die meisten Gruppen machen das erst am nächsten Morgen, wir aber schlafen direkt oben. Hier steht ein herrlicher Neubau aus Beton, Holz und Glas mit einer Dreihundertsechzig-Grad-Aussicht, die einem die Schuhe auszieht. Außerdem gibt es hier bequeme Betten mit Federdecken, Frottier-Handtüchern, Duschen ohne Münzen und eine Sonnenterrasse mit Liegestühlen. Ich weiß schon, warum ich immer früh hier sein will! Bei einer Erfrischung auf der Terrasse erzählt Maria, dass sie ein kleines Hotel in den Bergen im Trentino besitzt und lädt uns ein, wir sollen sie doch mal besuchen kommen. Im Nachhinein weiß ich, dass dies Wirklichkeit geworden ist, und dass Maria zum Knotenpunkt der gesamten Gruppe wurde. Mindestens einmal im Jahr fallen bei ihr die E5ler ein und lassen sich von ihrer Gastfreundschaft und ihrem Wesen verwöhnen.

Ich verarzte Brittas Blasen, die Schuhe kneifen an allen Ecken, vielleicht sind sie doch zu klein, zu hart? Für Anfänger ist es immer schwierig, den richtigen Schuh für solch ein Unternehmen zu wählen. Und nicht jeder Laden berät gut. Heute kann sie ihre schon offenen Wunden an der Luft trocknen lassen, morgen früh cremen und pflastern wir sie dann wieder zu.

Wir verbringen einen unbeschwerten Abend im Open-Space-Restaurant mit Blick in die weiten Berge und schauen uns von der Dachterrasse den Sonnenuntergang und die umliegenden Gipfel an. Vom Engadin über den Bregenzer Wald, die Lechtaler Alpen bis hin zur Zugspitze sieht man hier alles. Fantastisch. Heute Abend gehen wir gerne früh ins Bett, einfach nur um das wohlige Gefühl der Gemütlichkeit wegen und dem Riesen-Fenster, das den Blick auf die Berge freigibt. So schön schläft man nicht mal zu Hause.

Das enorme Frühstücksbuffet lässt es uns schwer fallen, diesen tollen Platz zu verlassen. Aber der Berg ruft und wir machen uns recht zeitig auf. Um acht kommt nämlich die erste Bahn hier oben an und spuckt Massen von E5lern aus, die alle den gleichen Weg laufen werden. Wir starten also mit einer Viertelstunde Vorsprung, die sich allemal lohnt. Die Panoramastrecke um den Venetberg ist ein Traum. Heute morgen ist es noch ein bisschen neblig und hier und da können wir nur erahnen, wie es unten im Tal aussieht. Und dann plötzlich zieht es auf und die bombastische Sicht verschlägt uns den Atem. Uta meint, exakt so hätte sie sich den E5 vorgestellt, immer schön geradeaus, auf Feld-und Wiesen-Wegen, das wäre genau ihr Ding. Wir müssen schmunzeln und nennen von nun an solche Wegabschnitte die „Uta-Wege“. Der Ausdruck hat sich bei mir so eingeprägt, dass ich ihn noch immer verwende, sobald ich einen etwas zu leichten Spazierweg in den Alpen gehe.

Jausen tuen wir auf der Larcher Alm. Hier ist ein Kollege von mir Wirt, ein Bergführer, der mit seiner Familie die Hütte im Sommer gepachtet hat. Sie machen wunderbare Vinschgauer-Brötchen im eigenen Holzofen und die Schwiegermama backt hervorragenden Kuchen. Hier bei Gregor habe ich Heimspiel und wir bekommen die besondere Fürsorge: Er setzt sich zu uns und erzählt Geschichten aus dem Leben hier oben auf der Alm. Meine alleinreisenden Damen tauschen Rezepte mit ihm aus und sind hin und weg, einige hätten ihn gerne als Schwiegersohn, Renate, die freche Kölnerin auch für mehr.

Schweren Herzens, aber bester Dinge machen wir uns wieder auf den Weg, es ist noch eine Stunde Abstieg bis nach Wenns, wo uns der „gute Josef“ abholt. Immer nett, stets parat für eine dicke Umarmung steht er da mit seinen Großraumtaxen und bringt uns durchs gesamte Pitztal, eine Strecke, die man theoretisch auch zu Fuß machen könnte. Allerdings sind uns diese knapp dreißig Kilometer zu schade, einen ganzen Tag nur geradeaus zu wandern. Obwohl es Uta bestimmt gefallen hätte. Aber egal. Manche nicken während der Fahrt ein, Laura döst auf ihrem Papa und andere bestaunen die gut siebzig Wasserfälle, die hier aus jedem Felsen heraus zu sprudeln scheinen. Wir trinken noch einen Kaffee in der Gletscherstube bevor es dann auf den drei-stündigen Marsch geht, tausend Höhenmeter rauf bis zur Braunschweiger Hütte. Das ist die Königsetappe, so wie sie viele nennen, und mit Recht: Der Anstieg ist zwar anspruchsvoll und viele fluchen, aber auch der schönste des gesamten E5s.

Den großen Rucksack lassen wir wieder mit der Materialseilbahn hochfahren, nur mit Jacke, Wasser und Müsliriegel machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Wasserfall-Weg ein, der läuft erst ganz entspannt entlang des Flusses und wird dann zum „Abenteuerspielplatz“ für Erwachsene, so wie ich ihn nenne, denn hier kann jeder nochmal zum Kind werden. Völlig ungefährlich, dafür aber extrem spannend geht es da hoch durch die Felsen, man hilft sich immer wieder mit den gespannten Stahlseilen, ab und zu muss man auf Eisenstangen treten, die dort als Stufen in den Fels hineingebaut sind und man kommt immer wieder ganz nah heran an den turbulenten Wasserfall. Wir sind nass von der wehenden Brise, und wenn ich da so in die Runde schaue, kann ich erkennen, dass alle ein kleines Feuer in den Augen haben, so viel Spaß macht es ihnen. Herrn Von und Zu muss ich gar nicht erwähnen, der ist voll in seinem Element, aber sogar Rainer, der Nörgler ist begeistert und teilt diese Freude allen anderen ständig mit. Ich höre Kommentare wie: „Rainer, du kannst ja lächeln. Rainer ist doch gar nicht so schlimm. Rainer ist jetzt bald einer von uns“. Diese Baustelle wäre also erledigt. Gott sei dank!

Nach einer kleinen Pause auf einem Felsvorsprung und mit tollem Blick ins Tal, von wo aus wir sehen, was wir schon alles geschafft haben, geht es weiter. Rücklicht macht Fritz, der ist froh, wenn er mal ein bisschen für sich sein kann da hinten und bei ihm weiß ich, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Uta nehme ich hinter mich, das ist die psychologisch sicherste Position. Alle sind gespannt, denn was da jetzt an Anstieg auf uns zukommt, das hat man immer von anderen erzählt bekommen, gefürchtet und gleichzeitig herbeigesehnt. Maria, die Älteste der Gruppe aber die sportlichste macht allen vor, wie das geht mit dem Aufsteigen. Schön im gleichen Rhythmus einen Fuß vor den anderen setzen, kleine Schritte und keine unnützen Bewegungen machen, die nur Energie rauben und dabei still vor sich hin laufen, die Natur in sich aufnehmen und mal komplett abschalten. Es gibt Passagen zum Festhalten, andere, wo man von einem Steinblock zum nächsten springt und dann wieder einfach nur steiler Anstieg. Der Höhepunkt dieser Etappe ist die Aussichtsbank, die in einer fantastischen Position vor dem Pitztaler Gletscher steht. Das ist so ein „Wow-Erlebnis“, das man nicht mehr vergessen wird. Die Luft wird dünner, wir sind auf zweitausendvierhundert Metern und auf einmal steht er vor uns, der Gletscher. Imposant und mächtig, unten sprudelt das Schmelzwasser aus ihm hinaus, das den Wasserfall und den Fluss nährt, an dem wir schon den ganzen Tag wandern. Es läuft und läuft und hört nie auf, solange bis es die Gletscher noch geben wird. Man kann erkennen, wir er sich langsam zurückzieht und wie leider auch die Menschenhand dem Ganzen zusetzt und schadet. Die Lifttrassen, die auf den Gletscher gebaut wurden, und werden, sehen schlimm aus und auch die beherztesten Skifahrer unter uns fragen sich hier, ob das wirklich so richtig ist. Nichtsdestotrotz genießen wir die Pause auf einer der wohl schönsten Bänke, Wilko und Britta sind stark beeindruckt und fragen sich, warum sie eigentlich noch nie in den Bergen waren, Christine, die eigentlich keine Freunde suchte, wird fast überschwänglich und beteuert, dass sie nächstes Jahr wieder mit allen gemeinsam wandern will und die anderen sind einfach nur selig, hier oben.

Die letzte Stunde Anstieg ist die härteste, obwohl oder gerade weil wir die Hütte schon über uns sehen können. Der Weg nimmt einfach kein Ende, so scheint es meinen Schäfchen. Renate ist am kämpfen und möchte nicht weiter. Es hilft auch kein Gutzureden mehr. Also nehme ich sie mit nach vorne. Das ist ein kleiner Trick: Wenn mal jemand nicht mehr kann, dann soll er das Tempo für die ganze Gruppe angeben. Und siehe da, auf einmal läuft er dir davon, fast immer. Auch bei Renate ist es so und sie kommt glücklich und freudestrahlend oben an.

Hier an der Hütte weitet sich das Panorama und öffnet die Sicht auf die Ötztaler Gletscher. Dieser Anblick ist eine Wucht und wie schon erwähnt, bin auch ich hier oft den Freudentränen nah, einfach aus Erleichterung, dass wir es alle geschafft haben. Wir fallen uns die in die Arme, die meisten heulen vor Glück, die Erschöpfung ist allen anzusehen, außer Maria natürlich, die wie aus dem Ei gepellt aussieht, aber die Müdigkeit ist auch den anderen jetzt zur Nebensache geworden. Denn hier oben zählt nur das Erfolgserlebnis, der Triumph und, wie viele hier oben erst erfahren, das Gemeinschaftserlebnis. Genau hier oben schweißt es die Gruppe noch mehr zusammen und ab hier ist es so, als wären sie schon immer eine Familie gewesen, als könne niemand sie mehr auseinanderbringen. Ein gutes Gefühl, auch für mich. Jedes Mal wieder.

Maria spurtet schon wieder los, als erste, klar und kommt, noch bevor ich den Check-in habe machen können, mit einem Tablett Williams heraus. Prost! Auf uns, auf Maria. Wir alle lieben sie in diesem Moment. Mal wieder.

Auf der Braunschweiger Hütte laufen alle Fäden des E5s zusammen. Es wird auch das Nadelöhr genannt. Denn auch wenn man entscheiden sollte, eine Variante zu laufen um den überfüllten Hütten aus dem Weg zu gehen, über die Braunschweiger muss man allemal. Die Wirte, Stefan und Melanie machen das super und obwohl die Hütte immer rappelvoll ist, klappt alles bestens hier, weitaus besser als auf anderen Hütten. Wir haben Glück und Melanie raunt mir mit ihrem großen Lächeln zu, dass wir ein Lager nur für uns haben. Gut! Abendessen um sechs, also eigentlich gleich. Schnell unter die Dusche oder auch nur in den Waschraum für die Katzenwäsche, wir haben ja gestern ausreichend duschen können, um es uns dann an dem kleinen und engen Tisch neben dem Ofen zu zwölft gemütlich zu machen. Es gibt mein Lieblingsessen der Tour: Pellkartoffeln mit frischen Soßen, Käse, eingelegtem Gemüse und angebratenem Speck. Einfach und wunderbar. Bitte esst nicht zu viel, mahne ich noch, denn wenn wir noch möchten, dann gehen wir zum Sonnenuntergang auf den Karlskopf, der Gipfel über der Hütte. Begeisterung macht sich breit und wir verschieben den Absacker auf später.

Schnell wieder in die Schuhe, was gar nicht so einfach ist, denn das Schuhregal hat sich dermaßen gefüllt, dass es nicht nur grausig stinkt sondern auch fast unmöglich ist, die eigenen Schuhe wiederzufinden. Kein Platz zum Hinsetzen und Anziehen, andauernd läuft ein frisch Geduschter an mir vorbei wenn ich mich gerade hingekniet habe oder es rumpelt mich jemand mit dem Rucksack an. Macht uns alles nichts, wir wollen nur schnell raus und rauf auf den Berg. Etwa eine halbe Stunde Anstieg ist es, das letzte Stückchen ist Gekraxel und dann sind wir oben am Kreuz und es ist einfach umwerfend hier. Wir haben den Blick zurück ins Tal, wo wir heute Mittag gestartet sind und auf die gesamte Gletscherwelt. Ich sehe, dass meine Leute stolz sind, und das können sie auch sein. Alle sind sie mitgekommen, umarmen sich und machen lustige Gruppenfotos. Immer mit Kreuz und Gletschern im Hintergrund. Wir schreiben einen Vers ins Gipfelbuch und malen ein Bildchen dazu. Rainer hat eine solche Kehrtwende gemacht, dass er zum Maskottchen der Gruppe geworden ist, die anderen suchen das Gespräch mit ihm und er entpuppt sich als freundlicher und sogar mit Witz besehener Mensch. Und Papa Henning nimmt Laura in den Arm und schwört ihr, dass sie dies von nun an jedes Jahr einmal machen werden, so ein gemeinsames Abenteuer. Ich freu mich für alle und auch für mich. Es ist nicht selbstverständlich, eine solch tolle Truppe zu haben, und wenn das mal passiert, dann ist mein Job einfach der beste der Welt. Natur, Berge, Bewegung und nette Menschen. Was will ich mehr!?

Unser tägliches Briefing machen wir heute im Lager, wir sind ja alleine und unten in der Stube ist es zu laut dafür. Es ist gemütlich hier oben unterm Dach und meine Schäfchen sind wie die Zwerge untergebracht: Alle hübsch nebeneinander auf einer riesig langen Matratze in kleinen Kajüten. Herr Von und Zu sitzt im Schneidersitz vergnügt auf seinem Bett und unterhält die Truppe. Durch das gesamte Lager sind Wäscheleinen gespannt und mit Klammern ist fein säuberlich die Wäsche von allen aufgehängt. Ich will wissen, wer denn hier so gut mitgedacht hat? Ach ja, natürlich: Auch dieses Detail ist mir im Rucksack des Herrn Von und Zu entgangen. Er hat damit die gesamte Gruppe beglückt und ist der Held des Abends.

Wir setzen uns noch in die gute Stube an unseren gemütlichen Tisch und Renate fängt an, ihrer rheinländischen Herkunft treu zu werden. Nicht nur eine Runde, gleich mehrere werden geordert und ihre kölschen Trinksprüche werden mit der Zeit und dem Alkohol immer doller. Oh je! Ich weiß schon, wie das enden wird. Und tatsächlich werden wir irgendwann so laut, dass uns die Nachbartische böse Blicke zuwerfen, aber wenn man erst einmal in diesem albernen Strom drin ist, dann wird es fast unmöglich, sich und die anderen zu bremsen. Im Gegenteil, die Stimmung heizt sich nur noch umso mehr auf. „Wir kommen sternförmig zusammen, wir gehen sternförmig auseinander. Und warum? Weil wir so sexy sind.“ Gut, mir reicht es für heute. Ich ziehe mich zurück. Und die anderen auch gleich, denn um Punkt zehn Uhr schickt Stefan die Leute eh ins Bett. Hüttenruhe. Zumindest fast immer.

Am nächsten Morgen sehe ich in einigen Gesichtern den kleinen „Höhenrausch“ und die Stimmung ist noch gar nicht gut. Wie habt ihr geschlafen? Keine Antwort. Habt ihr geschlafen? Zumindest ein Murren geht durch die Runde. Dann wird, so wie jeden Morgen, ausdiskutiert, wer wie oft aufs Klo gegangen ist, wer am lautesten geschnarcht und wer als erster Krach gemacht hat heute morgen. Herrlich: Das sind dieselben Menschen, die sich vor drei Tagen noch unbeholfen und schüchtern gegenüber standen und heute ein Haufen von Kameraden sind, die kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, sich gegenseitig auf den Arm nehmen und keiner deswegen eingeschnappt ist. So schnell geht das hier in den Bergen.

Es ist wunderbar heute Morgen in der Sonne zu starten, eiskalt ist es, aber feine klare Luft umgibt uns und alle freuen sich, als es endlich losgeht. „Endlich“ ist um halb acht und wir sind eine der letzten von etlichen Gruppen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Hier auf der Braunschweiger geht es sehr früh zur Sache, alle haben einen weiten Weg vor sich heute und der Schnee am Pitztaler Jöchl sollte noch nicht so ausgetreten und schmierig sein um auch heile rüber zu kommen.

Wie stehen oben und kratzen an der Dreitausend-Meter-Marke. Auch das haben wir also geschafft. Fotos, Handschlag und schnell noch einen Traubenzucker, denn wir müssen weiter, die nächste Gruppe kommt und hier oben ist es eng. Der Abstieg ist etwas heikel und ich bin immer froh, wenn noch genügend Schnee liegt. Denn dann kann man einfach auf dem Popo runterrutschen. Ich kontrolliere die Situation, es ist besser, das erste Stück doch zu laufen, so weit das irgendwie geht. Ein paar Felsbrocken schauen noch aus dem immer weicher werdenden Schnee heraus und ich möchte nicht, dass sich da jemand weh tut. Nach ein paar Metern können wir dann: Wir holen unsere Rucksack-Regenbedeckungen heraus, klemmen sie uns unter den Hintern und auf geht’s. Stöcke nach oben und freihändig einfach runter gleiten lassen. „Ich mache das mal vor und ihr wartet.“ Natürlich sind Ersten sofort hinter mir her und ihr Gejauchze und Gegackere verrät mir, dass sie es genauso toll finden wie ich. Herrn Von und Zu haut es um und er macht ein paar Pirouetten, na da hat er ja was zu erzählen zu Hause. Auch Wilko und Britta trauen sich und alle kommen intakt unten an, lachend und prustend vor Freude. Hier werden wir nochmal zu Kindern, so einen Gaudi macht das.

Wir kämpfen uns weiter durch den Schnee, brechen immer mal wieder bis zum Knie ein, rutschen noch mal und nach einer Stunde haben wir dann endlich den Parkplatz erreicht, diesen schrecklichen grauen Zementplatz, der im Winter die Arena der Weltcup-Abfahrt von Sölden ist. Es ist schon ein bisschen gruselig hier, was der Mensch mit der Natur so anstellt. Wir starten die sich hier stets wiederholende und natürlich politisch korrekte Diskussion über den Eingriff des Menschen in die Natur, trinken einen Kaffee und warten auf Frank, den Berliner. Den hat es hier vor ein paar Jahren her verschlagen und er ist in Sölden bekannt wie ein bunter Hund. Ein Lebenskünstler ohne Gleichen. „Katharina, mein Herz. Endlich sehe ich dich wieder!“, er knuddelt mich, lässt mich gar nicht mehr los. Wahrscheinlich macht er das mit allen meinen weiblichen Kolleginnen, aber das ist mir egal. Er ist ein Schatz und hilft bei jedem Problem. Also knuddle auch ich ihn. Mit seiner Baritonstimme unterhält er meine Gruppe, erzählt lustige und dramatische Schwänke aus seinem Leben und bringt uns mit seinem Bus hinunter in Richtung Sölden an die Mautstelle. So sparen wir uns einen zwei-stündigen Abstieg auf Asphalt durch ödes Gelände und verbringen zwanzig sehr unterhaltsame Minuten mit Franky-Boy und seinen heiteren Geschichten.

Und nun fängt wieder so ein Uta-Weg an, es geht in einer Sagenlandschaft über Stock und Stein durch fantastische kleine Wälder, über Wiesen und an kleinen Bächen vorbei bis zur Löple Alm, wo wir auf der Terrasse bei zwei kuriosen Damen Halt machen, die hier den Laden schmeißen. Gute Küche gibt es und eine herzliche Bewirtung. Maria gibt schon wieder eine Runde aus und ich lasse es zu, wir haben ja nur noch eine gute Stunde Abstieg und dann ist die Arbeit für heute getan. Renate macht den Spruch dazu, Christine freut sich schon auf nächstes Jahr und alle starten die Planung wo es hingehen soll. Super! Besser könnte eine Gruppe gar nicht sein. 

Die letzte Stunde verbringen wir heiter und quatschend bei dem wunderschönen Abstieg über die Gaislach Alm, die höchste Tirols, wo wir eine kleine Pause in der Kapelle einlegen. Herr Von und Zu betet hier für uns, das hat er schon die ganze Zeit gewollt und wir lassen ihn. Es wird schon für irgendetwas gut sein, auch wenn nicht alle unter uns unbedingt religiös sind.

Unten angekommen nehmen wir den Bus und fahren die wunderschöne Straße hinauf bis nach Vent, dem alten Bergsteigerdorf. Hier haben wir ein tolles Hotel mit Spa-Bereich und alle strömen sofort aus, um sich in echten Betten auszuruhen, zu saunen oder auf der Terrasse ein kühles Bier zu trinken. Britta pflegt ihre Blasen, denn die sehen gar nicht gut aus. Zum Glück haben wir nur noch einen Tag vor uns und mit dick gepflasterten Füßen wird sie am nächsten Tag ganz tapfer die letzten Kilometer laufen.

Abends wartet ein Fünf-Gänge-Menü auf uns und wir fühlen uns etwas fehl am Platz mit unseren Schlappen, dreckigen Wanderhosen und den verknitterten T-Shirts. Aber wir werden, ganz dezent, in einen Nebenraum gesetzt, sind erleichtert und die anderen Gäste wahrscheinlich auch. Nach dem köstlichen Mahl ziehen wir uns alle gerne und schnell in unsere Zimmer zurück, denn heute leben wir im wahren Luxus. Der eine oder andere duscht da auch schon zweimal.

Ich schaue mir, wie immer abends, die Wettervorhersage an und es sieht gar nicht gut aus für morgen: Temperatursturz und ab zweitausend Metern soll es schneien. Mist! Und das am letzten Tag.

Am nächsten Morgen regnet es, als ich aus dem Fenster gucke, genau wie vorausgesagt, es ist grau in grau und meine Leute sind besorgt. Der Spruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ stimmt auch nur halb, denn wenn die Stimmung nicht passt, dann ist auch der beste Anorak nichts mehr wert. Ich verkaufe ihnen das jetzt als DAS Erlebnis, außerdem ist es der letzte Tag und wir haben bisher so viel Glück gehabt mit dem Wetter.

Die ersten zwei Stunden bis zur Martin-Busch-Hütte vergehen still, jeder ist mit sich selbst beschäftigt, es geht immer nur geradeaus, mit leichter Steigung auf einem Fahrweg. Das ist ziemlich öde und bei dem Regen umso mehr.

Drinnen freuen wir uns über den warmen Ofen, Maria und Renate wollen schon wieder trinken, das untersage ich freundlich, denn ich weiß, was wir heute noch vor uns haben. Bei einem heißen Getränk wird die Stimmung schon wieder besser und alle freuen sich, heute Nachmittag schon in Bella Italia zu sein und in Meran durch die Lauben flanieren zu können. Ich weiß, dass es noch ein weiter Weg bis dahin ist, das sage ich lieber nicht. Nur ein bisschen Eile mache ich.

Der Regen verwandelt sich langsam in matschigen Schnee, der auch noch liegen bleibt. Zum Glück ist der Weg hier nicht zu verfehlen, denn die auf die Steine gepinselten Zeichen sind nicht mehr zu erkennen. Es sind weitere drei Stunden bis hinauf zur Similaun-Hütte. Unter normalen Umständen ist nur die letzte Etappe anspruchsvoll, heute jedoch bei der Nässe, Kälte und Schmiere auf dem Untergrund ist es recht mühsam voran zu kommen. Renate schimpft auf ihre kölsche Art, Wilko und Britta sind unglaublich eisern, Maria, unser „Jungbrunnen“, ist immer vorne weg und die anderen reihen sich schweigend in unsere Karawane ein. Ich verteile Traubenzucker, wir machen alle fünfzehn Minuten eine kleine Verschnaufpause, es wird nicht viel geredet und die Blicke, die umher gehen sind die von Komplizen. Ganz nach dem Motto: Wir stehen das hier gemeinsam durch, komme was wolle.

Endlich sind wir oben, die Similaun-Hütte steht auf 3.019 Metern, höchster Punkt unserer Tour und exakt auf der Grenze zu Italien. Kurzes Händeklatschen und dann sofort ab in die warme Hütte. Hier gibt es die ersten echt italienischen Spaghetti und wir haben alle einen Riesenhunger. Mit eineinhalb Stunden Verspätung sind wir hier oben angekommen, Schuld ist das Wetter. Aber wir haben es geschafft. Das waren definitiv die letzten Höhenmeter, versichere ich, jetzt geht es nur noch bergab. Daraufhin holen sich die beiden Damen endlich ein Glas Rotwein zur Pasta, so wie es sich gehört und kichern dazu. Unsere Handys machen sich bemerkbar. Wir haben wieder Netz, jetzt italienisches und es geht ein Funke Vorfreude durch die Runde. Gleich sind wir da! Haben es geschafft. Ich weiß, dass sich der Abstieg noch ziehen wird, wir werden gute zwei Stunden unterwegs sein, bei dem Wetter vielleicht sogar mehr. Aber unten wartet eine kleine Hütte auf uns, wo wir unsere getane Tour feiern können, und das macht Mut. Wir steigen ab, erst sehr steil, folgen einem engen Pfad, der in den Fels gehauen ist und müssen höllisch aufpassen, nicht auszurutschen. Die ersten paar Hundert Meter sind mit einer glitschigen Schneemasse bedeckt und wir kommen nur sehr langsam voran. Auf dem Geröllfeld wird es schon besser und ich weiß, dass es von nun an nur noch ein Auslaufen ist, das uns allen gefallen wird. Auf einem Felsen machen wir eine kleine Pause, unsere letzte, und da klart es plötzlich wieder auf: Endlich sehen wir den Vernagter Stausee vor uns liegen, mit seiner faszinierend türkisblauen Farbe. Auf den letzten Metern zieht es die Gruppe stark auseinander, wir müssen immer wieder warten, die einen sind kaputt, die anderen quatschen oder machen Fotos. Die Stimmung ist ausgelassen. Den Weg säumen Kuhherden, die wir immer wieder durchqueren müssen, Türchen auf, Türchen zu, lasst uns doch mal vorbei. Britta, aufgewachsen auf einem ostfriesischen Bauernhof, nimmt die Situation in die Hand und verscheucht gelassen die großen Viecher. Und dann sind wir plötzlich da: Der Tisenhof liegt vor uns, die Sonne kommt schüchtern wieder zum Vorschein und wir meistern gemeinsam die letzten Meter.

Wir haben es geschafft! Einmal über die Alpen, gemeinsam durch dick und dünn. Darauf trinken wir jetzt einen. Jetzt dürfen wir! Wir können sogar draußen sitzen. „Das Bier der Gerechten“, so wie ich es nenne, schmeckt immer besonders gut. Dazu gibt es Kuchen. Hier auf dem Tisenhof ist es noch wie anno dazumal, die Familie macht den Service, die Küche und die Alm. Ganz wie bei Heidi, allen gefällt es und wir sind einfach nur glücklich, da zu sein. Es wird kaum geredet und ich sehe, wie jeder im Sinne die Tour nochmal durchgeht, die Höhepunkt vor Augen hat und auch, wie sie alle stolz auf sich sind. Etwas angedudelt laufen wir die Straße entlang zum Bus, der auf uns wartet und uns in einer knappen Stunde erst durchs Schnalstal, dann durchs Vinschgau nach Meran bringt. Wir kommen am Schloss Juval vorbei, wo Reinhold Messner wohnt und ich versuche, diese paar Infos durchs Mikro weiterzugeben, sehe jedoch, dass fast alle in einen Tiefschlaf gefallen sind und lasse es sein. Auch das ist normal.

Angekommen in Meran wartet im Hotel unser Gepäck auf uns: Frische Klamotten, der große Beauty, für die Damen ein bisschen Schminke und Sommerschuhe. Viel Zeit haben wir nicht, aber alle wollen sofort in die Stadt. Wir verabreden uns in einem Café am Ufer der Passer. Ich habe eine kleine Abschiedsrede vorbereitet. Das mache ich immer. Bei manchen Gruppen ist es gar nicht so einfach die richtigen Worte zu finden, aber hier musste ich mich kaum vorbereiten. Wenn´s läuft, dann läuft´s. Die Worte sprudeln mir nur so heraus und spontan ergänze ich mit vielen Anekdoten. Meine Leute schmunzeln und lachen und bereichern meinen Monolog mit vielen Erinnerungen. Und dann steht Rainer auf, der Besserwisser und Nörgler, der erst so unsympathisch war und uns allen dann so sehr ans Herz gewachsen ist. Er wolle auch ein paar Worte im Sinne von allen sagen. Und hört gar nicht wieder auf. Dankensreden nicht nur an mich, an jeden einzelnen aus der Gruppe gerichtet, witzige und ironische Erinnerungen und viele persönliche Eindrücke packt er in eine herausragende Rede, die wir alle gerne und mit großem Applaus annehmen. Gut, der formelle Teil ist getan, gehen wir beim Aperol-Spritz zum Vergnügen über. Uns erwartet ein Abendessen im Hotel, das unsere Erwartungen, sollten wir diese gehabt haben, weit übertrifft. Alle schick herausgeputzt, fast alle, denn Uta und Renate hatten das irgendwie nicht mitbekommen mit dem Gepäcktransport, machen wir uns über die feinen Spezialitäten der norditalienischen Küche her, bei gutem Wein, den Herr Von und Zu ausgesucht hat und uns großzügig spendiert. Wir lassen es uns hier mal so richtig gut gehen und alle fühlen sich genau am richtigen Ort, im richtigen Moment.

Nach dem Essen schlage ich noch ein Abschiedsglas in meiner Lieblings-Enoteca vor und alle kommen begeistert mit. Wir bestellen süffigen italienischen Weißwein und machen es uns hier im Kellergewölbe auf den Hockern gemütlich. Die Stimmung könnte nicht besser sein und es kommen sogar ein paar profunde Gespräche zustande, so ungewöhnlich für einen letzten Abend. Und es ist abgemacht: Nächstes Jahr, Termin steht schon fest, machen wir die Verlängerung und laufen bis zum Gardasee. Alle freuen sich. Ich auch.

Am nächsten Morgen geht es viel zu früh los. Wir haben alle einen Schädel und steigen müde in den Bus. Die Strecke, die wir uns in sechs langen Tagen erkämpft haben, legen wir jetzt in nur ein paar Stunden im bequemen Reisebus zurück.

Der Abschied fällt schwer. Wie fast immer. Aber ich weiß ja, wie es ausgegangen ist: Einige gehen regelmäßig Maria im Trentino besuchen, Christine hat ihren Freundeskreis nur zu gerne erweitert, Uta war zwar schwer beeindruckt von ihrer Tour, hat sich aber nicht einschüchtern lassen und auch auf der nächsten Wanderung wieder voller Elan mitgemacht, Fritz ist, wie immer treu geblieben und erneut mitgekommen, Rainer schreibt mir heute noch ab und zu eine WhatsApp, Wilko und Britta schicken Postkarten aus dem Norden und haben sich sogar ans Skifahren gewagt, Renate hat uns zum Kölner Karneval eingeladen, ich weiß allerdings nicht, ob sich jemand getraut hat, Hennig und Laura haben das nächste Mal sogar die Mama mitgebracht, die sich auch tapfer geschlagen hat und Herr Von und Zu ist begeisterter Hüttenübernachter geworden und hatte beim nächsten Mal sogar den kleinsten Rucksack dabei. Und wir sind wirklich alle gemeinsam weiter gelaufen im Jahr drauf, haben uns in Meran getroffen und sind bis zum Gardasee gewandert. Eine Traumtour und mit dem festen Versprechen, uns bald wiederzusehen.

 

P.S. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist reiner Zufall. Und hoffentlich nimmt es mir keiner übel, wenn er sich doch wiedererkennen sollte. 

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